04.06.2008

Green Building: Paradigmenwechsel in der Immobilienwirtschaft

Symposium der Deutschen Reihenhaus AG benennt die Agenda für die nächsten 10 Jahre

Spitzenvertreter der Immobilienwirtschaft nahmen am 4. Juni 2008 am Symposium der Deutschen Reihenhaus AG teil. Das Unternehmen hatte in den Kölner Rotonda Business-Club geladen, um die Frage zu beantworten, ob das Thema Green Building zu einem Paradigmenwechsel in der Branche führen wird.

Unter dem Schlagwort "Green Building" werden seit kurzer Zeit viele Aspekte des ökologischen Bauens zusammengefasst. Handelt es sich bei dem Begriff nur um ein Modewort ohne Substanz oder ist damit ein Phänomen benannt, das auf Dauer grundlegende Veränderungen hervorrufen wird?

Das Fazit des Symposiums lautete: Dem „Grünen Bauen“ gehört die Zukunft. Aus welchen Faktoren sich die Agenda der Branche für die nächsten 10 Jahre zusammensetzt, wurde ebenfalls von den Teilnehmern der Veranstaltung formuliert.

Dass "Green Building viel mehr als nur Wärmedämmung und Energiesparen" ist, verdeutlichte Professor Dr. Hans Sommer. Der globale Zusammenhang ist allgemein bekannt. Die am häufigsten genannten Erscheinungen dieses Kreislaufs: Schmelzende Gletscher in der Arktis, ein wachsendes Ozonloch in der Antarktis, die Möglichkeit von Methangaseruptionen aus dem sich erwärmenden sibirischen Permafrostboden und die Gefahr, dass der Anfang der Nahrungskette in den Weltmeeren abstirbt.

Es bestehe kein Zweifel daran, so Sommer, dass sich das Klima in den nächsten Jahren weltweit erwärmen werde und die Folgen auch in Deutschland spürbar seien. Die Konsequenzen fielen unterschiedlich dramatisch aus, je nachdem, ob es sich dabei um eine Erwärmung um 2, 3 oder 4 Grad Celsius handeln wird. Wenn wir jetzt aktiv werden, so Sommer, können wir die schlimmsten Auswirkungen gerade noch verhindern. „Ich bin überzeugt, dass es einen Paradigmenwechsel geben wird, um die ökologischen Herausforderungen zu meistern“, lautete seine Botschaft an die Fachkollegen.

Symposiums-Veranstalter Dr. Daniel Arnold rechnete vor, welches Einsparpotenzial Green Building für Wohnimmobilien bereitstellt. Nach der Erstellung der Wohngebäude in ökologischer Bauweise, die von der Deutschen Reihenhaus AG bereits seit Jahren praktiziert werde, setzten sich die laufenden Kosten für die Bewohner im Wesentlichen aus Faktoren wie Gebäudeversicherung, die Wasserzählergebühr oder die Abfallentsorgung zusammen. So bestünden die Nebenkosten aktuell zu nur 11 Prozent aus den Kosten fürs Heizen und für die Erzeugung des Warmwassers - die Grundsteuer und Versicherung beliefen sich aber auf 18 Prozent. Wenn es um Einsparpotenzial für die Bewohner geht, so sein Fazit, stehen die örtlichen Verwaltungen in erheblichem Umfang in der Pflicht.

Wie aus ökologischen Risiken wirtschaftliche Chancen werden, steht im Mittelpunkt der Aktivitäten des Investors Dr. Andreas Odefey. Den Hintergrund der lukrativen Investments in neue „grüne“ Materialien für die Immobilienwirtschaft sah Odefey in der breiten Zielgruppe, die von Trendforschern „LOHAS“ genannt werden: Menschen, die sich dem Lifestyle Of Health And Sustainability verschrieben haben. Die technische Machbarkeit sei bereits so weit vorangeschritten, dass eine Vielzahl attraktiver Optionen bereitstehe - sowohl aus ökonomischer wie auch aus ökologischer Sicht. Als Beispiele für die Investitionen nannte er einen Hersteller von Baustoffen aus recyceltem Material, das den Energieeinsatz um 50 Prozent senkt, einen Produzenten umweltfreundlicher Polymere für die Isolierung von Außenwänden, oder einen Hersteller von CO2-neutralem Rigips. Deshalb ist sich Odefey sicher: „Die Umweltindustrie wird zum wesentlichen Industriezweig in den kommenden 10 bis 20 Jahren“.

Dr. Gerhard Niesslein erläuterte, dass auch die DeTeImmobilien Erfahrungen mit neuen Technologien sammle. Sein Unternehmen beobachte intensiv die aktuellen Entwicklungen, um daraus jederzeit ein nachhaltiges Geschäftsmodell zu entwickeln.

Das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit äußerte auch Andreas Barth: „Die gesamten gesetzlichen Vorgaben haben ihre Berechtigung, und wir orientieren uns daran“. Die gesamte Branche befände sich allerdings zurzeit noch am Anfang der Lernkurve. Aus seiner Sicht besteht erhebliches Potenzial, daß die Lernkurve eine starke Dynamik entwickelt. Sowohl einheitliche Standards als auch die Aktivität von Eigentümern und Mietern seien nötig, um jetzt rasch Fortschritte zu machen.

Dass sich Green Building nicht nur für große Unternehmen lohnen werde, sondern auch für kleinere, bekräftigte Daniel Grosch. Das Konzept seiner Gesellschaft, die ihre Wohnimmobilien gewinnbringend mit Photovoltaikanlagen ausstattet, rief breites Interesse hervor.

Der Blick über die Landesgrenzen Deutschlands hinaus führte zu Fragen, was Green Building im internationalen Vergleich bedeutet. Dr. Thomas Beyerle vertrat die Ansicht, dass die unterschiedlichen Standards wie LEED, HQE oder BREEAM nicht vergleichbar seien. Vielmehr hätten diese Zertifikate den Charakter von Labels als bloßen Marketinginstrumenten angenommen. Dies kommentierte er kritisch: „Wir sind in einer Phase, in der wir einen Label-Fetischismus entwickelt haben". Im Moment könnten diese lediglich als eine Diskussionsgrundlage behandelt werden, keineswegs als verbindliche und einheitliche Standards. Abgesehen davon seien heute nicht nur Definitionen notwendig, sondern der Mut um Experiment mit der Gefahr des Scheiterns: „Wir brauchen Macher!", forderte Beyerle. Die nötige Technik sei vorhanden.

Aus der Sicht eines weltweit präsenten Beratungsunternehmens vertrat Michael Scharpf die Meinung, dass Nachhaltigkeit nicht in jedem Land der Welt zu den gleichen Umsetzungen führen können, sondern den regionalen Bedürfnissen angepasst werden müsse. Deshalb ist Scharpf überzeugt: ein Benchmarking von Nachhaltigkeit muss auf einem einfachen und überschaubaren Level möglich sein, durchaus auch “unterhalb des Radars internationaler Zertifizierungsstandards”.

Dr. Thomas Herr schloss daran an, daß es sinnvoller sei, die vorhandenen Standards (z.B. LEED, HQE, BREEAM) zunächst zu bewerten und in der Praxis zu erproben, anstatt diesem Reigen aus USA, Frankreich und England auch noch einen deutschen Standard entgegen zu setzen. Zudem erinnerte er daran, dass die Green-Building-Diskussion nicht nur auf die Themen Energieverbrauch und CO2-Emissionen reduziert werden dürfe. Aspekte wie Wasserverbrauch, Verschmutzung oder Primärenergiebedarf bei der Errichtung der Häuser spielten ebenfalls eine wichtige Rolle.

„Oft sind es ganz einfache Prinzipien, mit denen Energie eingespart werden kann“, führte Caspar Schmitz-Morkramer aus. Dazu zählten zum Beispiel das bewusste Anordnen von Fassadenflächen, Betonkernaktivierung, Geothermie oder die optimale Ausrichtung von Gebäuden. Auch die Sanierung von Bestandsimmobilien sei lohnenswert, selbst wenn sie sich nicht kurzfristig rechne. Der Architekt provozierte zum Abschluss des Symposiums mit Kuriositäten aus der Praxis, in denen Nachhaltigkeit vorgespielt werde, ohne wirkliche ökologische Vorteile zu bieten. „Ein Glashaus in Genua ist womöglich kein ausgereiftes ökologisches Konzept“, formulierte der 34-Jährige seinen Seitenhieb auf das Studiogebäude des Stararchitekten Renzo Piano.

Als Referenten und Teilnehmer in den Podiums-Diskussionsrunden wirkten mit:

 

  • Dr. Daniel Arnold, Vorstand, Deutsche Reihenhaus AG, Kaiserslautern/Köln
  • Andreas Barth, Mitglied des Vorstands, IVG Immobilien AG, Bonn
  • Dr. Thomas Beyerle, Bereichsleiter Research und Strategie, Deutsche Gesellschaft für Immobilienfonds mbH, Frankfurt am Main
  • Daniel Grosch, Leiter Immobilienverkauf, Colonia Real Estate AG, Köln
  • Dr. Thomas Herr, Geschäftsführender Gesellschafter, THProjektmanagement GmbH, Berlin
  • Dr. Gerhard Niesslein, Vorsitzender der Geschäftsführung, Deutsche Telekom Immobilien und Service GmbH, Frankfurt am Main
  • Dr. Andreas M. Odefey, Geschäftsführender Gesellschafter, BPE Fund Investors G.m.b.H., Hamburg
  • Michael Scharpf, Leiter des Fachbereichs Nachhaltigkeit, Arcadis Homola AG, Frankfurt am Main
  • Caspar Schmitz-Morkramer, Geschäftsführender Gesellschafter, msm meyer schmitz-morkramer, Köln
  • Professor Dr. Hans Sommer, Vorsitzender des Aufsichtsrats, Drees & Sommer AG, Stuttgart