Ein Schloss in der Stadt

07.10.2010

Ein Schloss in der Stadt - Oder: die 40.000 Liebesschlösser von Köln. Ein neuer Bildband

Ein Paar, das seine Liebe manifestieren will, schnitzte früher ein Herz in eine Baumrinde. Heute hängt es ein graviertes Vorhängeschloss an die Hohenzollernbrücke in Köln. Und versenkt – auf ewiglich – den dazugehörigen Schlüssel im Rhein.

2008 begann es irgendwann. Die ersten Liebesschlösser zeigten sich am Zaun der Hohenzollernbrücke. Ein stiller, aber weit reichender Startschuss. Denn nur zwei Jahre später, im Sommer 2010, waren es schon 40.000, in etwa. Treu hängen sie dort nebeneinander: Franz und Maria, Kugelbauch und Super IQ, Heinz und Roland, Kim Jae-jung und Seong Raejin. Und auch Alois, Lukas, Anna, Christine, dann nämlich, wenn aus einem Liebespaar eine vierköpfige Familie wurde. Neben Vorhängeschlössern in allen Farben und Formen sind Zahlenschlösser und Fahrradschlösser zu finden, sie sind graviert, bemalt, beklebt, verziert und bestückt durch Selbstgebasteltes.

 

Eines von ihnen gehört Daniel Arnold, dem Herausgeber von „Ein Schloss in der Stadt“, und seiner Freundin Corinna. Der Unternehmer beauftragte, fasziniert von all den Liebesschlössern, die beiden Kölner Fotografen Simon Dirsing und Thomas Schorn. Als der Callwey Verlag schließlich einen Bildband aus ihren Aufnahmen veröffentlichen wollte, stießen Helmut Frangenberg, Redakteur des Kölner Stadt-Anzeigers, und Gerhard Matzig, leitender Redakteur der Süddeutschen Zeitung, als Buchautoren hinzu.

 

Liebesschlösser vor großer Kulisse

Köln liebt seine Bräuche – und hat mit den Liebesschlössern nun einen mehr. Gerechterweise ist zu sagen, dass sie nicht nur am Rhein, sondern weltweit zu finden sind. Die bekanntesten, vielleicht die ersten ihrer Art, hängen auf der Milvischen Brücke in Rom. Und auch die Liebenden in St. Petersburg, Riga, Florenz, Dresden oder Moskau machen mit und hängen ihre Treueschwüre vorzugsweise an eine Brücke. Denn als Ort des Übergangs oder auch der Verbindung eignet sich dieses Bauwerk wie kein zweites.

 

Zurück in Köln kann sich kaum jemand der augenfälligen Symbolik entziehen, die auf der Hohenzollerbrücke entsteht. Vor allem der nicht, der selbst eines aufgehängt hat: ein kleines Schloss, versehen mit einer ganz eigenen, manchmal geheimnisvollen Gravur, mitten in einer quirligen, geschäftigen Großstadt, an einer lauten Eisenbahnbrücke, über dem fließenden Vater Rhein und vor der überragenden Kulisse des Dom.

 

„Schenk mir Dein Herz“ singen längst die Höhner

Viele Liebespaare kommen nach einiger Zeit zurück und suchen ihren Treueschwur aus Stahl, schauen, ob er noch da ist. Auch die Touristen zieht es mittlerweile zu Kölns neuer Sehenswürdigkeit, sie flanieren von Inschrift zu Inschrift, lesen, schmunzeln, tauschen sich aus. „Die Brücke ist zu einem Ort der Kommunikation und Kultur geworden. Es wird viel diskutiert und viel geküsst, seitdem es die Schlösser am Zaun gibt“, schreibt Helmut Frangenberg in „Ein Schloss in der Stadt“.

 

Und gesungen wird ebenso. Die „Höhner“ dichteten 2009 das Lied „Schenk mir Dein Herz“ und machten den Kölner Kult deutlandweit bekannt. „Komm sei die Königin in meinem Königreich, ich schenke Dir heut ein Schloss am Rhein“, singen sie. Neben den Höhnern beschäftigten die Liebesschlösser in den letzten zwei Jahren auch die Deutsche Bahn, an deren Zaun die mittlerweile schwerwiegenden Schlösser hängen, die Denkmalpflege, die das Monument Hohenzollerbrücke umsorgt, und den Landschaftsverbands Rheinland (LVR), der sich wissenschaftlich mit dem neuen Brauch auseinandersetzte. Sein Fazit: „In Angesicht der permanenten Bewegung, der andauernden Unsicherheit, der Anonymität und der Masse demonstrieren hier mit jedem Schloss zwei Menschen ihren Wunsch nach Beständigkeit und Dauer, nach Sicherheit, emotionaler Zuwendung und Exklusivität ihrer Beziehung“, so schreiben Dr. Dagmar Hänel und Mirko Uhlig vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte*. „Damit reihen sich die Liebesschlösser ein in ritualisierte Praxen von Beziehungen, die von Unsicherheit gefährdet sind und trotzdem den Traum von Sicherheit, Gemeinsamkeit und Vertrauen demonstrieren.“

 

Angesichts der hohen Scheidungsquote, der jede dritte deutsche Ehe zum Opfer fällt, drängt sich die etwas bange Frage auf: Was ist aus all der Liebe auf der Hohenzollernbrücke geworden? Sind Sanni und Lars noch ein Paar? Wie ist es Simone und Ole ergangen? Auch Buchautor Gerhard Matzig lässt die Gedanken kreisen und unternimmt einen versöhnlichen Antwortversuch: „Die Liebe mag diesen oder jenen Weg genommen haben. Wer weiß das schon. Das weiß vielleicht nur der Schlüssel, der auf dem schlammigen Grund des Rheins vor sich hin dämmert und rostet.“

 

Der Bildband „Ein Schloss in der Stadt“

Verlag: Callwey Verlag, München

Format: 12 x 19 cm, Hardcover

Verkaufspreis: 12,90 Euro, ISBN: 978-3-7667-1873-0

Umfang: 160 Innenseiten

Fotos: 119 Bilder von Simon Dirsing und Thomas Schorn

Texte: zwei Aufsätze von Helmut Frangenberg, Redakteur des Kölner Stadt-Anzeigers, und Gerhard Matzig, Redakteur der Süddeutschen Zeitung

Herausgegeben wurde der Bildband von dem „Schlossbesitzer“ und Kölner Unternehmer Dr. Daniel Arnold, Vorstandsvorsitzender Deutsche Reihenhaus

 

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