
Von Dr. Daniel Arnold
Kultur, Konsum, Kita und Kontakte – wer urban wohnt und arbeitet, ist immer mittendrin. Ein Vorteil, der das Stadtleben auch für Familien zunehmend attraktiv macht. Allerdings: Bezahlbarer Wohnraum in der City ist knapp und teuer. So kommt es, dass gerade jene Menschen, die mit ihrer Arbeit das Stadtleben in Gang halten, sich ihr eigenes Familienleben dort nicht leisten können. Ein Paradox – aber eines, das sich lösen lässt.
Das Leben im Speckgürtel, in der Schlaf-Vorstadt, ist eng verbunden mit gesellschaftlichen Idealen, die ihre ausschließliche Gültigkeit verloren haben. Moderne, gut ausgebildete Frauen sind heute berufstätig. Auch als Familienmütter wollen sie sich nicht auf das Lebensmodell „Taxi-Mama“ reduzieren lassen. Junge Paare wollen auch als junge Familie nicht auf ihr städtisches Umfeld, auf Urbanität verzichten: Freunde, Shoppen, Ausgehen. Ein weiterer Teil dieses gesellschaftlichen Paradigmenwechsels sind die ökonomischen und ökologischen Faktoren. Das Pendeln zeigt eine Negativbilanz. Ihre individuelle Mobilität kostet Familien im Schnitt 12 Prozent ihres Haushaltsnettoeinkommens, bei Haushalten mit einem Kind sind es sogar 14 Prozent. Von den bekannten umweltschädlichen Folgen durch Spritverbrauch und CO2-Ausstoß ganz zu schweigen. Hinzu kommen Faktoren wie Flächenversiegelung – allein in Deutschland 100 Hektar pro Tag –, Zersiedelung der Landschaft oder erhöhter Energie- und Materialverbrauch für Produkttransporte.
Und die Städte selbst? Sie müssen ihre Kindergärten, Schulen, Theater, Kinos, Cafés, Restaurants, Arztpraxen und Geschäfte mit Kundschaft füllen. Je mehr Individualverkehr dafür notwendig ist, umso stärker explodieren die Infrastrukturkosten. Angesichts des demografischen Wandels kämpfen die schrumpfenden Städte heute gegen die Flucht ihrer bürgerlichen Bevölkerung. Denn sie ist für den Organismus Stadt von existenzieller Bedeutung, weil sie urbanes Leben trägt und ihre Infrastruktur erhält. Die Stadt braucht die Familien – und könnte sie leicht locken bzw. halten mit bezahlbarem Wohneigentum. Wie aber kann das gehen?
Hürden gibt es viele. Vor allem sind die für die Wohnbebauung ausgewiesenen Flächen in Städten zu knapp. Warum? Für die Kommunen hat die Ansiedlung von Gewerbe und Industrie innerhalb der Stadtgrenzen oberste Priorität – in der Hoffnung auf Gewerbesteuer und neue Arbeitsplätze. Diese Flächen fallen für Wohnraum aus. Um den Mangel auszugleichen, setzen die Städte zunehmend auf die Sanierung von Gewerbe- zu Wohnbereichen: ein teures, aufwendiges Verfahren.
Dabei gibt es eine einfache Alternative: die Umnutzung von Konversionsflächen – etwa alte Industrieareale oder Militärstützpunkte. Ihr Vorteil: Sie liegen zentral, sind durch Straßen und Infrastruktur hervorragend erschlossen und bieten große, zusammenhängende Flächen in der Stadt. Hier kann man neue Wohngebiete ausweisen für Familien, die die Städte beleben und bereichern, die Steuern zahlen, Kitas, Schulen und die städtische Infrastruktur nutzen und ihr Geld in der Stadt ausgeben, in der sie leben, wohnen und arbeiten. Familien der breiten bürgerlichen Mittelschicht. Doch diese Familien kommen nur dann, wenn die Wohngebiete auch bezahlbar sind.
Dazu gilt es, endlich eine heilige Kuh zu schlachten: Das freistehende Einfamilienhaus, das Ideal aus der Städteplanung der 1960er und 70er Jahre für die Vorstädte außerhalb der Ballungszentren, existiert auch heute noch als planerisches Modell für städtischen Wohnraum: wenige Menschen auf viel Fläche. Ein Anachronismus. Denn es ist für den knappen Wohnraum, den die Stadt bietet, einfach zu teuer. Hier gilt es, einen neuen städteplanerischen Impetus zu schaffen mit Wohnformen, die weniger Fläche binden und dafür erschwinglich sind – das Reihenhaus ist ein solches Modell. Dann können auch Familien mit einem Jahresnettoeinkommen zwischen 25.000 und 60.000 Euro ihr Haus in der Stadt bewohnen. Für dieses Ziel müssen die Städte endlich Farbe bekennen: Die Kriterien der Stadtplanung gehören auf den Prüfstand. Als Teil der Baugenehmigungsbehörde legt die Stadtplanung im Bebauungsplan fest, ob allein Baukörper mit teuren Dach- und Gebäudeformen und Volumina baugenehmigungsfähig sind. Sie entscheidet bereits damit, ob bauwillige Familien bleiben oder abwandern. Mit wirtschaftlich unüberwindlichen Hürden für die Wohnbebauung stellt sie die Weichen in die falsche Richtung. Deshalb müssen die Städte genau hier den Hebel ansetzen.
Das Thema „Familienleben in der Stadt“ ist von zentraler Bedeutung für die nächsten Jahrzehnte. Die Städte müssen sich ändern, weil sich die Gesellschaft ändert. Viel zu oft träumen sie noch von Villenbauten oder Technologieparks auf ihren Konversionsflächen. Viel zu selten denken sie ernsthaft über Bebauungspläne nach, die günstiges Bauen für bürgerliche Hauseigentümer ermöglichen. Wer auch in Zukunft die Stadt durch die Menschen, die dort wohnen, lebendig erhalten will, muss jetzt in ihrem Sinne handeln.
Autor Dr. Daniel Arnold
Journal Lebendige Stadt der Stiftung Lebendige Stadt
Erschienen 20. Mai 2009
Seite 20 - 23
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