Wohnungsbaustelle Nachhaltigkeit

Immobilienbrief der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 04.09.2009

 

Von Dr. Daniel Arnold

Steine, Mörtel, Mischmaschine: „Beim Anblick einer Baustelle glaubt man nicht, sich im Zeitalter des Weltraumfluges zu befinden.“ Das geflügelte Wort des Londoner Architekten Richard Hordon aus dem Jahr 1998 gilt unverändert, insbesondere im Wohnungsbau. Auch im Digitalzeitalter sind Baustellen analog. Zentimeterdicke Toleranzen trotzen der Computersimulation, und statt Nanoperfektion stopft Bauschaum notdürftig Präzisionslücken. Hier herrscht das Augenmaß. Immerhin – es hält meistens.

Schaut man sich jedoch die Nachhaltigkeitsdebatte im Wohnungsbau an, so gerät man in Zweifel, ob dort nicht gleich das ganze Argumentationsgebäude ins Wanken kommt. Wo liegt das Dilemma? Nachhaltige Entwicklung, so definiert es der Brundtland-Bericht 1987, sei die „Befriedigung der Bedürfnisse der Gegenwart, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“. Nachhaltigkeit ist mithin ein generationenübergreifender Gesellschaftsvertrag zum Zweck der Bedürfnisbefriedigung. Hier drängt sich förmlich das Bild des Hauses auf: Mit seiner Lebensdauer von etwa 100 Jahren umfasst der Produktlebenszyklus eines Hauses etwa drei Generationen. Hier schlummern enorme Effizienzpotentiale in Sachen Umweltfreundlichkeit, Wirtschaftlichkeit und gesellschaftlicher Nutzen.

Mit der Energieeinsparverordnung (EnEV) scheint der Gesetzgeber genau dieser Effizienzforderung zu entsprechen. Sie definiert verbindliche Anforderungen an Wärmeschutz und Heizungseffizienz, die sich zum 1. Oktober 2009 um rund 30 Prozent erhöhen und 2012 nochmals um 30 Prozent anziehen sollen. So weit, so gut: Allerdings bleiben entscheidende Effizienzfaktoren der Bewirtschaftung und des Rückbaus völlig außer Acht: Baustoffrecycling, Strom, Brauch- und Abwasser, Abfall, Verwaltung, Versicherungen und Grundsteuern finden keinerlei Berücksichtigung in der Bilanz. Das bedeutet, dass beim Wohnungsbau in Deutschland staatliche Verordnungen nur einen winzigen Teil des großen Feldes der Nachhaltigkeit abdecken. Jeder weitere Schritt ist Privatvergnügen.

Macht man die Rechnung auf, ergibt sich folgendes Bild: Bei Mehrinvestitionen zur Dämmung von Neubauwohnungen nach EnEV 2012 von stolzen 50 Euro je Quadratmeter lassen sich Einsparungen beim Heizenergieverbrauch von jährlich etwa 0,50 Euro je Quadratmeter erzielen – ein ökonomischer Nonsens. Beim zweiten EnEV-Parameter, der Heizanlage, bringt eine Mehrinvestition von etwa 5000 bis 10 000 Euro für eine Regenerativheizung statt konventioneller Brennwerttechnik nur eine Ersparnis von etwa 100 bis 300 Euro Betriebs- und Brennstoffkosten im Jahr. Eine denkbar schlechte Amortisationsrate. Mit anderen Worten: Investitionen in noch mehr Wärmeschutz und noch mehr Heizungseffizienz über die EnEV 2009 hinaus können sich nicht bezahlt machen.

Abnehmender Nutzen bei steigenden Kosten bringt in der Bilanz ökonomisch desaströse Ergebnisse. Hier ist das Ende der Sinnhaftigkeit längst erreicht. Wir brauchen echte ökonomische Anreize für sinnvolle ökologische Verbesserungen. Sonst bleibt Nachhaltigkeit ein Lippenbekenntnis. Nachhaltiges Bauen darf nicht zum exklusiven Luxus für Reiche geraten. Wenn der generationenübergreifende Gesellschaftsvertrag seinen Zweck – die Bedürfnisbefriedigung – nicht erfüllt, verkommt Nachhaltigkeit zur hohlen Phrase. Hier liegt die Baustelle für die Zukunft.

Autor Dr. Daniel Arnold

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Nr. 205 vom 04. September 2009

Immobilienbrief Seite 39

 

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04. September 2009, Seite 39