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Nachbarschaft

 
 

Nachbarschaft

Wir alle sind Nachbarschaft. Was sie für uns bedeutet, zeigt der neue Bildband „Nachbarschaft“, erschienen im September 2009 im Callwey Verlag. Er zeigt rund 90 Aufnahmen des Reportagefotografen Andreas Herzau, die während einer Foto-Studie  entstanden.

 
 
 
 

Was bedeutet Nachbarschaft für Sie?

 

Wolfgang Niedecken

Ich bin ja in Köln aufgewachsen, und hier in einer Nachbarschaft, in der die erste Sprache Kölsch war. Insofern hat mich dieses Viertel natürlich beeinflusst und auch seine Spuren hinterlassen. Mein Vater ist im 2. Weltkrieg hier ans Severinstor gekommen und hat geguckt, wo die meistens Leute hergehen, und danach einfach dieses Ladenlokal besetzt. Mein Vater war also sozusagen Hausbesetzer und hat sich dann dort seinen Laden eingerichtet. Das Haus gehörte Gott sei Dank der Pfarrei – und die hat’s ihm dann verkauft.

 

Die Kölner Severinstraße ist gewachsen. Und dieses Gewachsene muss man ganz behutsam behandeln. Wenn man dies in früherer Zeit gekannt hat – das war hier eher wie ein Dorf. Umso schlimmer ist es, dass dieses Dorf durch den U-Bahn-Bau so sehr in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Das Viertel befindet sich im Moment in einem Zustand, wo man nur die Luft anhält. Und wenn man dann diese Straße einmal rauf und runter geht und sich die Fassaden anschaut und sieht, welche Geschäfte und Ramschläden hier mittlerweile geparkt sind: Das berührt schon und macht einen ein bisschen traurig.

 

Und trotzdem existiert diese gewachsene Grundstruktur noch. Hier ist eine
Grundsubstanz vorhanden, die sperrig ist. Hier sind auch sperrige Menschen, die
sagen: Nein, damit finden wir uns nicht ab. Da müssen die Leute schon eng
zusammenhalten.

 

„Wenn ich su ahn ming Heimat denke
un sinn dä Dom su vüür mir stonn,
möösch ich direk ob Heim ahn schwenke,
ich möösch zo Fooss noh Kölle jonn.“


„Wenn ich an meine Heimat denke und sehe den Dom so vor mir stehen,
möchte ich mich direkt in Richtung Heimat wenden, ich möchte zu Fuß nach
Köln gehen.“ Inoffizielle Hymne der Kölner, Text: Willi Ostermann (1876–1936)]


Wolfgang Niedecken ist Sänger, Musiker und bildender Künstler. Er gründete Ende
der 1970er Jahre die Kölsch-Rock-Band „BAP“. 1992 einer der Initiatoren des Kölner
„Arsch huh, Zäng ussenander“-Konzerts gegen Rassismus und Fremdenhass. Seit
2004 Botschafter der Hilfsaktion „Gemeinsam für Afrika“. Niedecken ist Vater von
vier Kindern aus zwei Ehen.

 

Hellmuth Karasek

„So legt euch denn, ihr Brüder,

in Gottes Namen nieder;

kalt ist der Abendhauch.

Verschon uns, Gott, mit Strafen,

und lass uns ruhig schlafen,

und unsern kranken Nachbarn auch.“

(aus: Der Mond ist aufgegangen, Matthias Claudius)

 

Nachbarschaft ist eine der engsten Beziehungen – und zwar eine, die man sich

normalerweise nicht aussucht. Nachbarschaften ergeben sich. Und da kann es sehr

schnell dazu kommen, dass man sich auf die Nerven geht. Man weiß, dass sich

Professoren in Italien, in der Toskana, gegenseitig umgebracht haben, weil der Ast

über den Gartenzaun hing und nicht beseitigt wurde.


Jede menschliche Beziehung hat immer eine sehr gute und im Extremfall auch eine

sehr gefährliche Seite. Ich war in Amerika Professor und dort gibt es den Begriff „to

neighbour“ – das heißt, sich um seine Nachbarn kümmern. „Ach, Sie liegen mit

Fieber im Bett. Kann ich Ihnen vom Supermarkt etwas mitbringen?“ Lauter solche

Sachen. Das ist die eine Seite.


Aber: „Ha! Ich glaube, der hat eine Freundin. Der schließt sich da immer ein und die

Tür ist zu und die Rollläden sind runter.“ Das ist die andere Seite. Nähe ist auch

Gefahr. Es gibt etwas, das ganz wunderbar ist: eine sympathische Distanz. Denn

jede Nähe führt irgendwann zu etwas, was man mit Nähe nicht erreichen will.

Deshalb haben französische Ehepaare in guten Jahrhunderten einander gesiezt,

damit nichts Schlimmes passiert.

 

Hellmuth Karasek ist Literaturkritiker, Autor und Professor für Theaterwissenschaft.

Viele Jahre lang ständiger Teilnehmer der ZDF-Sendung „Das Literarische Quartett“.

Mitglied des P.E.N.-Zentrums Deutschland und der Akademie der Künste in

Frankfurt und Hamburg. Karasek ist Vater von vier Kindern.

 

Christoph Metzelder

Dem Westfalen sagt man ja nach, dass er stets an seiner Scholle hängt. Wie oft habe
ich unseren Nachbarn nach dem Schlüssel gefragt, wenn meine Eltern gerade nicht
da waren und ich nicht ins Haus kam. Das sind Dinge, die eigentlich
selbstverständlich sind, aber in unserer Gesellschaft immer mehr verloren gehen:
dass man diesen Bezugspunkt hat und damit letztendlich auch die Hilfe von Leuten,
die um einen herum wohnen. Ich persönlich habe das immer als toll empfunden.

 

Das hier ist mein erster Verein gewesen. Mit sechs Jahren habe ich schon hier

angefangen – freilich nicht auf diesem Platz, der ist relativ neu, damals waren die

Plätze noch etwas schlechter. Ich habe hier sieben, acht Jahre gespielt, und gerade

deswegen eine besondere Beziehung zu diesem Verein entwickelt. Als er vor ein

paar Jahren finanziell in Schieflage geraten ist, habe ich mich bereit erklärt, erst mal

kurzfristig zu helfen. Mittlerweile ist daraus ein Projekt entstanden, das, glaube ich,

zum einen wirklich ambitioniert ist und zum anderen auch einzigartig in

Deutschland. Es ist der Versuch, einem klassischen Sportverein, also einem

Bezirksligisten mit den typischen strukturellen Problemen – schlechte Plätze,

Trainersituation schwierig, keine gute Ausrüstung – behutsam zu Profibedingungen

zu verhelfen.


Es gibt ja im Grunde genommen immer zwei Ebenen; dazu gehört auch die

erweiterte Nachbarschaft. Gerade in einer kleineren Stadt ist diese relativ groß. Es

ist immer schön, Nachbarn und Bekannte wiederzusehen. Ich habe hier meine

früheren Schulkollegen oder ehemaligen Mitspieler, die auch in unmittelbarer Nähe

wohnen, und entweder gibt man sich Bescheid, dass man da ist, oder sie sehen,

dass ich zu Hause bin, und dann trifft man sich. Das ist ja das Schöne: zurück

zukommen und Leute um sich zu haben, die man seit Ewigkeiten kennt. Hier bin ich

wirklich kein Exot mehr. Dass ich der Fußballspieler Christoph Metzelder bin, ist ok,

aber das interessiert hier in Haltern eigentlich keinen.

 

Christoph Metzelder ist Fußballspieler (Verteidiger). Deutscher Meister 2001/02 mit

Borussia Dortmund. Vize-Weltmeister 2002 in Südkorea und Japan. Europas U-21-

Fußballer des Jahres 2002. WM-Dritter 2006 in Deutschland. Spanischer Meister

2008 mit Real Madrid. Im März 2007 gründete er die Christoph-Metzelder-Stiftung

„Zukunft Jugend“. 

 

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